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Porträt

BIW#19 // Hinkelstein Druck Kollektiv

Handwerk Wirtschaft

von Tanja Büttner - 21 August 2017

Wir stehen permanent unter Druck. Tag ein, Tag aus, hetzen wir von einem Ort zum nächsten. Schlafen, Essen, Arbeit, Uni und dann wieder von vorne. Und dabei sollen wir auch noch jeden Tag besser werden. Arbeit bestimmt unser Leben. Doch so muss es nicht sein. Beim im Kollektiv organisierten Hinkelstein Druck wird der Arbeitsdruck ganz einfach rausgenommen.

Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Der große Shakespeare der Arbeit. Eine Entscheidung, die oft eine Gradwanderung bedeutet. Arbeitet man viel und hart, hat man Geld, aber kein Leben. Arbeitet man wenig, hat man ein Leben, aber kein Geld. Also was tun? Die Lösung dafür sind als Kollektiv organisierte Betriebe, Vereine und Organisationen. Ein solcher Betrieb ist die Offset-Druckerei Hinkelstein. Hier geht es in erster Linie um Spaß am Handwerk, Leidenschaft für Tinte und Papier, sowie gehaltvolle Inhalte und einen guten Arbeitsplatz, an dem sich jeder Mitarbeiter nach Interessen und Fähigkeiten einbringen kann.

Die erste Hinkelstein-Gründergeneration fand sich zur Zeit der DDR im Ostteil Berlins im Keller der Umweltbibliothek zusammen. Dort wurden Flugblätter für die Opposition gedruckt. Alle kamen aus dem subkulturellen Spektrum und schnell wurde klar, dass sie nach der Wende weiter machen wollten. Von der strukturellen Sichtweise her kam nur ein Kollektiv in Frage und damit war der Grundstein für die Hinkelstein Druckerei gelegt. Anfangs sah sich das Kollektiv vor allem als Mittel der politischen Arbeit. In einer Zeit in der die Politik sich im Umbruch befand, war eine Druckerei solcher Art von großer Wichtigkeit. Flugblätter und Plakate waren für die politische Arbeit unerlässlich.

Mit dem Beginn der 90er Jahre sorgten einige Veränderungen für frischen Wind. Es fand eine Professionalisierung statt. Die überwiegend weiblichen MitarbeiterInnen absolvierten Ausbildungen in einer Männerdomäne, dem Druckereihandwerk. Partikantinnen wurden eingestellt und neue Maschinen angeschafft, was unweigerlich in einer Vergrößerung des Kundenkreises resultierte. „Weil wir die Jenigen sind, die an den Maschinen stehen und die Dämpfe einatmen.“, hielt Cora, die 1995 zu Hinkelstein kam, schon damals Vorträge im Ökologiebereich. Maschine können durchaus auch mit Rapsöl oder anderen nachwachsenden Rohstoffen gewaschen werden, argumentierte sie. Nur irgendwie wollte das keiner so recht glauben. Heute ist das zum Glück anders.

Der Kollektivgedanke hat sich jedoch nicht geändert. Bei einem Kollektiv geht es darum, dass alle das gleiche Entscheidungsrecht haben. Gleiche Rechte und Pflichten, wenn man es so will. Bei Hinkelstein kommen rotierende Arbeitsbereiche hinzu, welche immer von mindestens zwei Leuten abgedeckt werden. So werden Freiräume geschaffen, falls diese nötig sind. Durch einen Einheitslohn werden Hierarchie und Missgunst vermieden. Aber ein Kollektiv ist arbeitsintensiv. Der Arbeitsalltag will sich organisiert wissen. Bei Hinkelstein ist man nicht nur Druckerin. Sondern außerdem Layouterin und Buchhalterin und Unternehmerin und Putzkraft und alles. Aber das ist auch das Wundervolle! Man kann sich immer wieder neuerfinden. Individuelle Arbeitsplatzgestaltung und Abwechslung machen die Arbeit bei Hinkelstein aus.

Schneller, weiter, höher - davon hält man bei Hinkelstein nichts. Hier geht es um Qualität und sinnvolle Druckerzeugnisse mit guten Inhalten. Werbeflyer wird man bei Hinkelstein nicht finden. Im Sinne des Bildungsauftrags werden ausschließlich inhaltlich korrekte Werke produziert. Oder solche, welche für spannend befunden werden. Denn bei Hinkelstein werden die literarischen Ergüsse der Kundschaft auch gelesen, bevor die Entscheidung zum Drucken fällt. Es geht nicht um die Menge der Exemplare oder um Geschwindigkeit und größere Maschinen: „Das was wir machen soll Sinn machen und wir sollen davon leben können. Und das reicht aus.“, erklärt uns Sabine.

Zu den Kunden von Hinkelstein gehören NGOs, Vereine, politische Initiativen und Aktive im linken Spektrum und ökologischen Bereich. Ein Umdenken in der Druckbranche nach sozialen und ökologischen Kriterien findet allgemeinen Zuspruch, weshalb viele Kunden Hinkelstein Druck in ihrem Impressum erwähnt haben wollen. Das hat in den letzten Jahren den Kundenkreis teilweise vergrößert. Die zunehmende Digitalisierung hat dies nur unerheblich gebremst. Preise sind immer vom Produkt abhängig. Bei einigen Aufträgen ist der Druck bei Hinkelstein teurer, bei anderen gleich oder auch günstiger. Das Interessante: Alles was nicht Standard ist, ist normalerweise teurer. Bei Hinkelstein ist das jedoch nicht so. Dadurch, dass es hier keine Massenproduktion gibt, sind auch keine Maschinen mit Standardeinstellungen zuhaben. Gut für Kreativität. Durch die daraus entstehende Flexibilität, ist für viele Künstler die freiere und individuellere Gestaltung, die sie sich wünschen, möglich.

Die Printproduktion befindet sich heute in einer Krise. Bis jetzt hat diese Cora, Sabine und den Rest des Hinkelstein-Kollektivs nur gestreift. Es geht hier eben nicht um Gewinnmaximierung und Expansion, sondern um ein sorgenfreies Leben, in dem der Job Herzenssache ist und Zeit für Familie, Freunde und einen selbst bleibt - ganz ohne Druck.

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