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Wie nachhaltig sind ‚nachhaltige’ Labels wirklich? Ein Handbuch klärt auf.

von Alexander Wenzel
Themen Lebensmittel und Ernährung Produktdesign Textilien
3 Oktober 2017

Labels, die Produkte als ‚öko’, ‚bio’ oder ‚fair’ anpreisen, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Doch wie glaubwürdig sind die Kennzeichnungen? Um das herauszufinden und eine Hilfe beim Einkauf zu geben, hat die ‚Christliche Initiative Romero’ ein Handbuch verfasst. Wir sprachen mit dem Verein über diesen „Wegweiser durch das Label-Labyrinth“.

Dreiviertel der Deutschen achten laut einer Forsa-Umfrage vom letzten Jahr auf Nachhaltigkeit im Alltag. Und damit auch beim täglichen Einkauf. Da wundert es nicht, dass immer mehr Hersteller ihre Produkte als ‚öko’, ‚bio’ oder ‚fair’ kennzeichnen. Und dazu eine Fülle verschiedener Logos und Labels verwenden. Doch nicht alles, was sich ‚nachhaltig’ gibt, ist auch wirklich ökologisch korrekt und sozial nachhaltig hergestellt worden. Um hier aufzuklären, hat die ‚Christliche Initiative Romero (CIR)’ ein 172 Seiten-starkes Handbuch veröffentlicht.

Als gemeinnütziger Verein setzt sich CIR seit 1981 für Arbeits- und Menschenrechte in den Ländern Mittelamerikas ein. Benannt ist die Initiative nach Oscar Romero, dem 1980 ermordeten Erzbischof El Salvadors und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. In diesem Sinne werden Organisationen und Basisbewegungen in Nicaragua, El Salvador, Guatemala und Honduras unterstützt.

In Deutschland liegt der Fokus auf der Kampagnen- und Bildungsarbeit. So ist CIR zum Beispiel Mitglied der internationalen ‚Kampagne für Saubere Kleidung’. Die Erfahrung hier – im Textilbereich – kam CIR auch bei der Arbeit an „Ein Wegweiser durch das Label-Labyrinth“ zugute. Dessen Veröffentlichung im Mai dieses Jahres geht eine lange und arbeitsintensive Phase voraus: schon im März 2015 begann man mit der Auswahl der Kriterien, anhand welcher man die Labels untersuchen wollte.
„Fördert der Standard die Zahlung von existenzsichernden Löhnen?“ „Ist die Herkunft des Endprodukts entlang der gesamten Lieferkette nachvollziehbar?“ – zwei Beispiele der gefundenen Bewertungskriterien. Einteilen lassen sich diese in die drei Kategorien ‚Soziales’, ‚Ökologie’ und ‚Glaubwürdigkeit’. Analysiert wurden, auf Basis von öffentlich zugänglichen Informationen, insgesamt ca. 90 Labels aus den Bereichen Lebensmittel und Textilien. Darunter Qualitätssiegel wie ‚Demeter’ und ‚Fairtrade’, aber auch Eigenmarken von Aldi, Lidl und Co. Im Handbuch findet sich für jedes dieser Labels eine Übersicht über die Bewertung der einzelnen Kriterien. Zusätzlich gibt es eine Ampel, welche die durchschnittliche Bewertung in den drei Kategorien anzeigt und einen zusammenfassenden Kommentar.

Bei Durchsicht des Wegweisers fällt auf, dass bei den Labels ökologische Kriterien oft besser erfüllt sind als soziale Kriterien. Laut Wegweiser-Mitautorin Sandra Dusch Silva rührt das daher, dass ökologische Kriterien einfacher zu überprüfen sind. Wohingegen bei Sozialkriterien, wie zum Beispiel Gewerkschaftsrechten, eine einfache Ja-/Nein-Frage nicht ausreicht. Man „muss hier einen Schritt weitergehen: Wieso gibt es keine Gewerkschaft? Oder welche Gewerkschaft gibt es? Und dann auch vor Ort entsprechende Prozesse bewirken.“ Das dauert nicht nur länger, sondern kann auch teurer sein. Mit dem gängigen Modell im Textilbereich – kurze Lieferfristen und möglichst billige Herstellung – ist das natürlich nicht kompatibel. Gleiches gilt für die Zahlung von existenzsichernden Löhnen. Auch dieses wichtige Sozialkriterium ist bei den meisten untersuchten Siegeln stark unterrepräsentiert.

Mit dem Handbuch will die Initiative deshalb nicht nur das Bewusstsein der KonsumentInnen schärfen, sondern auch die Unternehmen zum Handeln bewegen. Hier hat sich nach Ansicht von Sandra Dusch Silva auch schon einiges getan: die Verantwortlichkeit für die Produktionsbedingungen ist bei allen angekommen, „mainstream mittlerweile“. Mitverantwortlich für dieses Umdenken ist auch das Rana Plaza-Unglück. Hier kamen – beim Einsturz eines Gebäudekomplexes, welcher mehrere Textilfabriken beherbergte – mehr als 1000 Menschen ums Leben. „Das ist absolut traurig, dass es das braucht, aber so ist es leider“, kommentiert Sandra Dusch Silva. Doch auch wenn ein Umdenken zu verzeichnen ist, „bei der Durchsetzung ist noch echt viel zu tun“.

Deshalb bleibt es für die KonsumentInnen wichtig, aufmerksam zu sein und nachzufragen. Denn wenn das Nachfragen, zum Beispiel im Supermarkt, dazu führt, dass die dort Beschäftigten in ihrem Unternehmen nachfragen, ist das eine „zweite Schiene über die Druck entsteht“.

Titelbild
Autor: Christliche Initiative Romero e.V.

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