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Über die Magie des Zuhörens

von David Dicke
Themen Öffentlicher Raum Gesellschaft Nachbarschaft
10 April 2017

Am 11.04. wird sich die Magie entfalten. Der internationaler Free-Listening-Tag führt in 50 Ländern der Welt Passanten zu Aktivisten, die ein offenes Ohr für sie haben, egal worüber sie reden möchten. Der Verein Impuls, der die Aktion in Berlin veranstaltet, hat uns die Kraft des Zuhörens erklärt.

Das Free-Listening kommt, wie so manche Innovation der letzten Jahre, aus dem sonnigen Kalifornien. Doch hierbei geht es ausnahmsweise nicht um ein Technologie-Startup mit viel Kapital, schnellem Wachstum und hohen Gewinnerwartungen. Es geht um die grundlegende soziale Interaktion mit unseren Mitmenschen, um die Fragen: Was beschäftigt meinen Nachbarn? Was sind die Sorgen eines mir fremden Passanten? Was geht vor in den Köpfe der vielen Menschen, an denen man täglich vorbeiläuft? Was sind die Geschichten hinter strahlenden Augen und grimmigen Blicken?

Das wollen in Berlin nun auch die Mitglieder von Impuls herausfinden. Gemeinsam mit Interessierten treffen sie sich seit Januar diesen Jahres regelmäßig an belebten Plätzen unserer Stadt zum Free-Listening, zum kostenlosen Zuhören. Der Verein Impuls veranstaltet sonst Diskussions- und Weiterbildungsveranstaltungen und berät Unternehmen zu Themen der sozialen und ökologischen Transformation. Wir haben mit der Geschäftsführerin Henrike Lindemann gesprochen.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Initiatoren von urban confessional (städtischer Beichtstuhl), die ihre Idee auf die ganz persönliche Erfahrung einer Lebenskrise vor etwa 10 Jahren und die heilsame Wirkung eines unvoreingenommenen, hingebungsvollen Zuhörers zurückführen, haben sich die Mitglieder von Impuls von aktuellen weltpolitischen Entwicklungen der letzten Monate berufen gefühlt, der wahrgenommenen gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken. Das Gefühl die politischen Entwicklungen der westlichen Welt mit dem Brexit, dem Erfolg rechter Parteien in Europa und der Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten nicht mehr nachvollziehen, mithilfe etablierter Medien und Meinungsforschungsinstitute nicht mehr erklären zu können, trieb sie zu der Idee, auf eine direktere Art Antworten zu finden - durch Zuhören.

Was sich zunächst recht naheliegend anhört, geht im hektischen Großstadtalltag häufig verloren. Auch Henrike Lindemann kennt die Momente, in denen man auf dem Weg zur Arbeit lieber zu Boden oder auf sein Smartphone schaut, und hofft von niemandem angesprochen zu werden. Durch die Arbeit mit Impuls kennt sie aber auch den hohen Wert des Zuhörens. Sie kenne die Erfahrung des „schöpferische Zuhörens“, das Redende zu gutem, kritischen Denken inspiriert und Zuhörer die Rolle von 'Momo' einnehmen lasse. Die Romanfigur von Michael Ende schafft es allein dadurch, dass sie ihrem Gegenüber Gehör schenkt, in magischen Momenten mal einen Therapeuten, mal eine Muse zu ersetzen. Passives Zuhören - ohne Ratschläge und altkluge Phrasen – ist auch weltweit die Methode der Aktivistinnen und Aktivisten.

Von der Vision zur Aktion

Doch wie setzt man diese Vision in die Tat um? Wie sieht der konkrete Ablauf eines Free-Listening Tages aus? Die Berliner Gruppe konnte sich am amerikanischen Vorbild orientieren. Sie haben zunächst deren Leitfaden zum gelungenen Zuhören ins Deutsche übersetzt und um eigene Punkte ergänzt. Somit ist das theoretische Fundament gelegt, doch zwischen Theorie und Praxis, ist die Übung ein wichtiger Schritt. So treffen sich die Zuhörer vor jeder Free-Listening-Aktion und üben kurz miteinander, was sie in den darauffolgenden Stunden erwarten könnte. Während diesem Aufwärmtraining wird auch gemeinschaftlich an der Ausrüstung gearbeitet: Pappschilder mit Aufschriften, wie „Ich höre zu, was bewegt Sie?“. Im Anschluss gilt es noch die besten Schauplätze für eine gelungene Interaktion auszuwählen: belebte Plätze, mit vielen unterschiedlichen Menschen, die dennoch ein wenig Zeit mitbringen; Treffpunkte, an denen Menschen warten, wie die Weltzeituhr am Alexanderplatz; Orte an denen gebummelt wird, wie Einkaufszentren; oder Herausforderungen, die als hektische Knotenpunkte wenig entschleunigte Momente versprechen, wie der U-Bahnhof Kottbusser Tor. Auch die eigenen Vorurteile wollen die Zuhörer herausfordern, indem sie Orte weitab ihrer eigenen Nachbarschaft erkunden. Sind die Ziele ausgewählt und sind die übrigen Vorbereitungen abgeschlossen, treten sie in 3er-Grüppchen die kurze Reise zu unvorhersehbaren Begegnungen an.

Eine amerikanische Idee auf Berliner Straßen

Dreimal haben die Mitglieder von Impuls schon eine Free-Listening Aktion in Berlin durchgeführt. Es entstanden wertvolle Gespräche mit ganz unterschiedlichen Themenschwerpunkten: allgemeine Politik, persönliche Rückschläge, nervende Arbeit, die Herausforderungen des Berliner Großstadtlebens und diffuse Gefühle der Unsicherheit. Darüber hinaus kam es auch zu unerwarteten Erfahrungen: die Begegnung mit einem ehemaligen ukrainischer Soldat, der durch ein Gehörleiden den tiefen Augenkontakt einem Gespräch vorzog; die Passanten, die das Angebot nicht wahrnahmen, aber durch die Schilder zum Austausch mit ihren Begleitern angeregt wurden oder die zwei Jungs, die um Rat fragten, nach guten Möglichkeiten, Frauen auf der Straße anzusprechen. Da aber Ratschläge nicht Teil der Aktion sind, wurden sie durch geschicktes Rückfragen dazu angeregt sich eigene Strategien auszudenken. Die negativste Reaktion auf das Zuhör-Angebot war der Spruch zweier Punks: „Habt ihr nichts besseres zu tun?“. Damit konnten die Zuhörenden gut leben und so nehmen sie vor allem eine für sie selbst sehr überraschende Erkenntnis aus den ersten Aktionen mit: Zuhören ist nicht in erster Linie die altruistische Tat, die man zum Wohle der anderen anbietet, sondern gibt einem selbst sehr viel. Gelassenheit, Offenheit und Euphorie können am Ende einer Free-Listening-Aktion mit nach Hause genommen werden und den Alltag bereichern. Man sieht die Welt mit anderen Augen oder hört sie mit anderen Ohren. Diese fast spirituelle, nahezu magische Erfahrung scheint einen Nerv zu treffen. Zuhören wirke tief ins Innere einer Person, analysiert Henrike Lindemann, und die Bereitschaft zu persönlicher Veränderung, zu positivem Wandel, beginne im Inneren.

Die Magie liegt in der Luft

Zuhören kann also laut Henrike Lindemann zu Haltungsänderungen führen und den Umgang miteinander verbessern. Um aber eine spürbare gesellschaftliche Veränderung in Gang zu bringen, sind noch viele Schritte zu gehen. Die Berliner Aktivisten von Impuls gehen voran, doch in Deutschland bereits von einer Bewegung zu sprechen sei vermessen. Zwar spricht der neue deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schon vom Zuhören und auch andere Politiker haben das Thema für sich entdeckt, doch ehe aus dem gegenseitigen Zuhören nur ein darüber Reden wird, sollte das Momentum genutzt werden.

Am Dienstag, den 11.04., ist internationaler Free-Listening-Tag. Seoul, Mexico City, New York, oder eben auf dem Berliner Hermannplatz. Jeder kann sich den Gruppen vor Ort anschließen, mitmachen, zuhören, seinen eigenen magischen Moment erleben und dabei sein, wenn aus engagierten 3er Grüppchen eine echte Bewegung wird.

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