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Porträt

BIW#22 // Sharehaus Refugio

Coworking Kultur Soziales Spiritualität Wohnprojekte Flüchtlinge

von David Dicke - 26 Oktober 2017

Das Refugio kam wie gerufen! Zufällig, doch pünktlich zur großen Migrationsbewegung 2015 eröffnete das Sharehaus der Stadtmission im ehemaligen Seniorenheim in Neukölln seine Pforten und gilt seitdem als Vorzeige-Integrationsprojekt. Wie gelingt es hier verschiedenste soziale, kulturelle, religiöse und demographische Unterschiede beim Wohnen, Arbeiten, Speisen, Beten und Feiern unter einem Dach zu vereinen und trotz aller Widrigkeiten diverse Gesichter zum Strahlen zu bringen?

Mit dem Label 'Sharing Economy' versuchen heute Internet-Weltkonzerne, wie Airbnb oder Über, ihrem Geschäftsmodell einen sozialen Anstrich zu verpassen und bekommen dafür eine nicht nur wohlwollende, aber doch immense mediale Aufmerksamkeit. Für Kritiker, wie den Soziologen Harald Welzer, führen sie jedoch das seit Urzeiten praktizierte Teilen zwischen Menschen ad absurdum, da das Teilen von privaten Wohnungen oder Autos über die Plattformen der Internetgiganten nur gegen Bezahlung erfolgt.

Wie das Refugio in Berlin-Neukölln den Begriff 'Sharing Economy' wieder mit der sozialen Tradition des Teilens versöhnen kann und dabei gleichzeitig noch so wichtige Themen, wie Verständigung zwischen den Kulturen und zwischen den Religionen, Bildung und Integration vereint, hat uns der Leiter des Projekts Harutyun Harutyunyan erklärt.

Das prachtvolle alte Haus in der Lenaustraße, unweit des Hermannplatzes, hat schon verschiedenen sozialen Anliegen eine Heimat gegeben. Die Berliner Stadtmission betrieb hier noch bis vor einigen Jahren ein Seniorenheim und hatte dort auch bis zum Umzug in die Nähe des Hauptbahnhofs ihre Zentrale. Als nach und nach Räumlichkeiten frei wurden, begann sich die Idee der gemeinschaftlichen Nutzung und der gegenseitigen Bereicherung durch sozialen Austausch durchzusetzen. Zunächst arbeiteten in Nachbarschaft zu den verbliebenen Senioren Künstler in Atelierräumen, bald wohnten sie auch mit Studenten zusammen und bildeten so einen Mikrokosmos gesellschaftlicher Diversität, der auf gegenseitiger Unterstützung, Hilfe und Austausch basierte. Nachdem dann das Seniorenheim geschlossen wurde, konnte Anfang des Jahres 2015 niemand die bevorstehende Migrationsbewegung erahnen und dennoch beschloss die Stadtmission die Kooperation mit Elke Naters und Sven Lager auszuweiten und ihr Sharehaus Projekt zu neuer Größe zu führen.

Elke Naters und Sven Lager hatten ein Jahr zuvor schon das Sharehaus Kreuzberg zusammen mit der Stadtmission Berlin eröffnet. Die Idee hatten sie aus Südafrika mitgebracht, wo sie 9 Jahre lebten und 2012 das erste Sharehaus in Hermanus, unweit von Kapstadt, eröffneten. Ihr Anliegen war damals, wie heute, Begegnungen unterschiedlicher Menschen in einem Haus zu ermöglichen und jeden innerhalb dieser vier Wände so zu seiner persönlichen Entfaltung kommen zu lassen, dass auch die anderen Menschen im Haus von den Talenten und Fähigkeiten eines jeden profitieren. Nach ihrem Menschenbild funktioniert eine Gemeinschaft dann besonders gut, wenn ein jeder das, was er oder sie besonders gut kann, mit den anderen teilt. Ein Sprachengenie kann anderen beim Erlernen fremder und schwieriger Grammatik helfen, ein geborener Sänger kann die Gemeinschaft akustisch erfreuen, während das Kochtalent für die Gaumenfreuden sorgt. Dieses Idealbild über alle Hürden der Realität zu tragen, war die Mission von Elke Naters und Sven Lager beim Aufbau des Sharehaus Refugio von 2015 bis 2016 und ist sie seitdem bei anderen Projekten mit ihrem Sharehaus Verein innerhalb und außerhalb Berlins.

Der geschichtliche Zufall der Migrationsbewegung des Sommers 2015 brachte dem Refugio unverhoffte Aufmerksamkeit, Bekanntheit und Beliebtheit. Mit dem Ziel, das Haus zu einer Hälfte an Newcomer und zur anderen an Einheimische zu vermieten und somit den Austausch zu fördern, aber zum Ausgleich für die günstigen Mieten auch Engagement zu fordern, hat sich das Refugio vor allem in Kreisen von Newcomern, aber auch im Kiez schnell einen Namen gemacht. Die Liste der Bewerber ist lang und jede Woche kommen neue Motivationsschreiben an, in denen Wohnungsinteressierte darlegen sollen, warum sie Teil des Sharehaus sein wollen, was sie einbringen werden, womit sie gern ihre Freizeit verbringen und was ihre persönlichen Ziele sind. Um möglichst vielen Menschen die Partizipation am Projekt und die Bereicherung des Austausches zu ermöglichen, ist die Mietdauer auf 18 Monate begrenzt. Erfahrungsgemäß reicht dieser Zeitraum Newcomern, um das Wichtigste für ein Leben in Deutschland zu lernen, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden und anzukommen.

Neben des 40 Bewohnern (inkl. 4 Babies) beherbergt das Refugio aber auch noch soziale Projekte, wie Querstadtein, Give Something Back To Berlin und Rückenwind e.V., und Ateliers für Künstler unterschiedlichster lokaler und stilistischer Herkunft. Im Erdgeschoss tragen der renovierte Veranstaltungssaal und das Café zur finanziellen Tragfähigkeit und Unabhängigkeit des Hauses bei. Diese ist ein Jahr nach Anmeldung des Cafés als Gewerbe mit der einhergehenden Umstrukturierung und den bürokratischen Umständen noch nicht ganz erreicht, doch dank der professionellen Arbeit von zwei Eventmanagerinnen findet im großen Saal fast täglich eine gut besuchte Veranstaltung statt, und auch das Café erfreut sich zunehmender Beliebtheit im Kiez.

Wenn ein ehemaliger Bewohner des Refugios unverhofft noch einmal vorbeischaut und mit strahlenden Augen und gefestigtem Deutsch berichtet, was aus ihm geworden ist oder eine stolze Mutter ihr Kind vorstellt, fühlt Harutyun Harutyunyan, dass das Refugio zurecht als Vorzeige-Integrationsprojekt der Stadtmission gilt und hofft, dass andere Bewohner noch zu mehr Engagement und andere Mitbürger noch zu mehr Sharehaus-Gründungen angeregt werden, sodass mehr und mehr Menschen erfahren können, was es einem gibt, zu teilen.

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